scheitern. fast nach plan.

vor ungefähr einem jahr frug mich mein kollege, ob ich mir nicht vorstellen könnte – wie er – künftigen bachelor-studenten finanzenglisch beizubringen. sprachlich sind wir beide gleichauf – er ist mit einer britin verheiratet und meine liebe zu land und leuten schlug sich auch irgendwann in wortschatz und aussprache positiv nieder. nach bedenkzeit und „ich komm mal mit und schau mir an, wie du das aufziehst“ sagte ich zu.
und habe damit schon den größten fehler gemacht: ich verließ mich in weiten teilen darauf, dass er sich mit einstiegs- und ausgangsniveau, lehrmaterial und dem ganzen drumherum hinreichend auseinandergesetzt hatte und es für brauchbar. weil er das sonst auch tut. weil er nicht erst seit gestern unterrichtet. und weil alles andere untypisch für ihn wäre.
seit september unterrichte ich nun. mit lehrmaterial, das mit level A2/B2 deutlich unter dem einstiegsniveau der meisten meiner durchaus motivierten und engagierten studenten liegt. das unterfordert und frustriert. und das nie und nimmer in die lage versetzt, in 2 jahren auf einem B1/C2-niveau inhalte verstehen und wiedergeben zu können. geschweige denn, eine prüfung erfolgreich abzulegen.
die für die materialauswahl verantwortliche hat sich mittlerweile aus der lehrtätigkeit zurückgezogen.
der für den studiengang verantwortliche sieht alles ganz locker („das wird schon“).
der kollege ist nur bedingt bereit, die studenten fachbezogen zu unterrichten.
und ich… …ich bin wütend.
auf mich selber, weil ich mich darauf eingelassen habe.
auf die verantwortlichen an der akademie, weil sie nicht willens sind, sich um geeignetes lehrmaterial zu kümmern (das es gibt(!), sogar im verbund. das aber angeblich nicht verwendet werden darf.).
auf die tatsache, dass man – um den studiengang ausgelastet zu bekommen – keinen bestandenen toefl-test zur zulassung voraussetzt und damit vermutlich 50% der studenten sehenden auges in ein offenes messer laufen lässt. weil nicht-bestehen im modul englisch gleichbedeutend ist mit nicht-bestehen des bachelor-studiums.
dass ich mit „meinen“ studenten weit über das kursmaterial hinausgehende unterlagen durcharbeite und vokabular und fachbezogenes wissen aufbaue – das alles ist am ende sinn- und zwecklos. weil alle dozenten mitziehen müssten. weil, was ich mache, reproduzierbar sein muss (stichwort: chancengleichheit). weil es dann nicht sein kann, dass eine kollegin unterrichtet, die selbst noch von ihrem arbeitgeber einen kurs auf B2-level bezahlt bekommt. weil ich mittlerweile bereits mehr als die hälfte der aufwandsentschädigung, die ich irgendwann bekommen werde, auf der suche nach zusätzlichem lehrmaterial ausgegeben habe.
meinen studenten gegenüber war ich vom ersten tag an offen und ehrlich. wir versuchen gemeinsam, die akademie-leitung zum handeln zu bewegen. (hier bitte don quijote, rosinante und windmühlen vorstellen.)
meine studenten wissen auch, dass ich nicht bereit bin, für ihr wahrscheinliches scheitern mitverantwortlich zu sein. sollte ein termin mit der akademieleitung, der partneruniversität und uns dozenten anfang dezember nicht entscheidende verbessserungen zur folge haben, werde ich die kooperationsvereinbarung kündigen. so sehr mir das unterrichten erstaunlicherweise spaß macht. so toll das feedback meiner studenten ist. so wenig mag ich mir den schuh anziehen müssen, dass ich mit ungeeignetem lehrmaterial schlecht auf prüfung und beruf vorbereitet habe.
es ist unverantwortlich, wie hier mit der zukunft junger menschen umgegangen wird. ich mache da nicht mit. kann es nicht.

 

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